Immer in guter Gesellschaft
Begibt man sich ganz allein in die Unterrißdorfer Kirche und ihren Altarraum, fühlt man sich niemals einsam.
Man ist ständig in Gesellschaft beachtenswerter Gestalten.
In Holz geschnitzt, können sie leider ihre interessanten Lebensgeschichten und Glaubenserfahrungen nicht selbst erzählen.
Aber sie alle haben etwas Einladendes, ein wenig bei ihnen zu verweilen und sie zu betrachten, als ob man ihnen zuhören kann.
Zwei große Einzelfiguren links und rechts der Kanzel stellen Bischöfe dar, denen man einst diese Kirche weihte:
Liudger und Maternus.
Liudger hatte als elfjähriger Junge noch den greisen Bonifatius erlebt.
Zunächst um 777 Priester in Köln, wirkte er als Missionar in Nordfriesland und Westfalen. Über die missionarische Tätigkeit in Westsachsen lesen wir bei seinem Biograf Altfrid:
"Liudger bemühte sich in gewohnter Weise mit allem Eifer und großer Sorgfalt, dem ungebildeten Sachsenvolk die Lehren Christi zu bringen.
Er rodete die Dornen des Götzendienstes, säte unermüdlich an allen Orten Gottes Wort, baute Kirchen und besetzte sie mit Priestern, die er selber zu würdigen Mitarbeitern am Worte Gottes ausgebildet hatte."
804 wurde er zum ersten Bischof von Münster. Seine Arbeit trug Früchte, und er konnte den neuen Glauben in den Herzen vieler Menschen verankern. So ist ihm und seinem missionarischen Wirken, welches weit um sich griff, auch in Unterrißdorf ein Denkmal gesetzt.
Maternus "der Mütterliche", lebte im 4.Jahrhundert und war der erste Bischof von Köln.
Er gilt als Patron unter anderem für das Gedeihen von Weinreben.
So ist auch er ein Hinweis auf den Weinbau, der in dieser Gegend lange seinen festen Platz hatte.
Weintrauben erkennt man mehrfach als Verzierung im Altar.
Besonders deutlich entdeckt man eine Weintraube auf dem Buch in den Händen des heiligen Urban.
Wir widmen ihm ein extra Kapitel "Wein und unsewr St.Urban".
Ganz oben neben der Madonna sind sechs weitere Figuren durch die reformatorische Umgestaltung des Altars sehr weit ins Abseits geraten.
Links ist Petrus an seinem Schlüssel zu erkennen, neben ihm "Anna selbdritt" mit Tochter Maria und dem Jesuskind, Petrus mit dem Schwert. Auf der rechten Seite stehen Veit (Vitus) mit dem Vogel, Marcus mit dem offenen Buch und Maria Magdalena mit der Salbendose.
Einen wesentlich günstigeren Platz für den Betrachter haben die Tafeln, die unten ihre ursprüngliche Höhe annähernd behalten haben.
Ihre Rückseiten zeigen Motive aus biblischen Geschichten. Kunstkennern fällt immer wieder auf, dass Albrecht Dürers Marienleben als Vorlage zu diesen Bildern gedient hat.
Unten links vorn sieht man einen Bischof. der keine besonderen Merkmale zeigt. Daher kann man nicht wissen, wer gemeint ist. Umso deutlicher begegnet man seinem tiefgründigen Blick.
Eine besonders bekannte Gestalt ist Christophorus.
Groß und stark, trug er Menschen auf dem Rücken über einen gefährlichen Fluss. Die Legende erzählt: Eines Nachts wollte ein Kind hinübergetragen werden. Er nahm es auf die Schulter und stieg ins Wasser. Aber es wurde immer schwerer. Es kam ihm vor wie das Gewicht der ganzen Welt. Und das Wasser schwoll an. Er fürchtete, zu ertrinken. "Mehr als die Welt hast du getragen", sagte dann das Kind zu ihm, "den Herrn, der die Welt erschaffen hat."
Es drückte ihn unter das Wasser und taufte ihn. Am Ufer erkannte Christophorus Christus als seinen Herrn, der ihm auftrug, ans andere Ufer zurückzukehren und seinen Stab in den Boden zu stecken. Christophorus sah am Morgen, dass aus seinem Stab ein Palmbaum mit Früchten gewachsen war.
Neben Christophorus steht der heilige Cyriakus.
Um 300 in Rom zum Diakon geweiht, hatte er die Tochter von Kaiser Diokletian von dämonischer Krankheit geheilt. Nach dessen Abdankung im Jahr 305 ließ ihn Kaiser Maximian greifen, foltern, mit siedendem Pech übergießen und enthaupten. In der Pfalz wird Cyriakus als Patron des Weinbaus verehrt. In einer Kapelle bei Lindenberg - wo er als Einsiedler gelebt haben soll – werden am Sonntag nächst dem 8. August bei der Cyriakus-Wallfahrt die ersten Trauben dargebracht. Cyriakus, „dem Herrn gehörig“, ist zu erkennen als Diakon mit gefesseltem Dämon.
Wegen seines christlichen Glaubens hart gelitten hat auch der heilige Veit.
Noch als Kind Christ geworden, wurde er von seinem Vater geschlagen und vor den Richter gebracht, weil er nicht von seinem Glauben lassen wollte. Auch der Richter befahl, ihn zu schlagen. Die Legende erzählt: Dem Richter und seinen Knechten verdorrten die Arme. Veit (Vitus) betete und heilte sie. Mehrfach erlebte er ähnliche Bedrohung und Bewahrung. Während einer Flucht wird er von einem Adler mit Brot versorgt. Und Adler bewachen später seinen an ein Flussufer geworfenen Leichnam bis zu einer barmherzigen Bestattung. Die Darstellung des heiligen Veit erkennt man an dem Vogel, der ihn begleitet.
So begegnen dem Betrachter Gestalten, die auf die Kraft des Glaubens hinweisen. Viele wurden dafür Zeugen unter Leiden und Qualen. Und sie regen an, die vielen Christen zu beachten, die auch heute in manchen Ländern wegen ihres Glaubens verfolgt, gedemütigt und gequält werden. Sie brauchen die Hilfe anderer!
Auch Martin Luther schaffte das Gedenken an die Heiligen nicht ab. Denn sie können durch ihr Beispiel andere im Glauben ermutigen.1535 äußerte er sich dazu zusammenfassend:
"Nächst der heiligen Schrift ist ja kein nützlicheres Buch für die Christenheit als der lieben Heiligen Legenden, sonderlich welche rein und rechtschaffen sind, als darin man gar lieblich findet, wie sie Gottes Wort von Herzen geglaubt und mit dem Munde bekannt, mit der Tat gepreiset und mit ihrem Leiden und Sterben geehret und bestätigt haben. Solchs alles tröstet und stärkt die schwach Gläubigen, und noch viel mutiger und trotziger macht, die zuvor stark sind. Denn wo man allein die Schrift ohne Exempel und Historien der Heiligen lehrt, obwohl inwendig der Geist das Seine reichlich tut, so hilfts doch trefflich sehr, wo man von auswendig auch die Exempel der der Anderen sieht oder hört."
In der Mitte des Altartisches ist immer Heilige Nacht.
Hier schaut Maria andächtig auf das neu geborene Jesuskind in der Krippe. Josef macht derweilen rätselhafte Handbewegungen. Ein Engel kniet dort als betender Betrachter, während sich der andere mit einer wärmenden Decke zu schaffen macht.
Auch Hirten sind schon zur Stelle, und Tiere wärmen den Stall.
Hier unten kann man nach allen aufregenden Heiligengeschichten wieder Ruhe finden
und diese Versammlung verlassen wie die Hirten den Stall von Bethlehem:
"Sie kehrten wieder um,
priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten,
wie denn zu ihnen gesagt war."
Aber die Frage geht mit: Was tut der Josef hier mit seinen Händen ???


